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Gabriele Metzler
1. Auflage 2013
16.05.2013
Deutsch
331 S., 12.65 MB
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Das Andere denken
eBook - Repräsentationen von Migration in Westeuropa und den USA im 20. Jahrhundert, Eigene und fremde Welten
Beschreibung
Über Gabriele Metzler
Leseprobe
Gabriele Metzler
Die europäischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts waren »Gesellschaftenin Bewegung«. Menschen verließen ihre Heimat, um sich vorkriegerischen Auseinandersetzungen in Sicherheit zu bringen; sie wurdenzur Abwanderung gezwungen, weil irrwitzige, menschenverachtendeSiedlungsprogramme dies vorsahen; oder sie suchten anderswo nachbesseren Lebenschancen, nach Arbeit und Wohlstand. Erfahrungenmit diesen Formen und Ursachen von Migration waren im Europades 20. Jahrhunderts nicht neu, sondern ließen sich über Jahrhundertezurückverfolgen. Gleichwohl blieben Migranten und Migrantinnen inden Ankunftsgesellschaften die Fremden, die Anderen, die, wenn nichtals Bedrohung, so doch als Herausforderung der bestehenden Ordnungbetrachtet wurden. Dies galt umso mehr für jene Zuwanderer aus Räumenaußerhalb Europas, die im Gefolge der Auflösung der europäischenKolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg in wachsender Zahl denKontinent erreichten und hier gerade die Gesellschaftsgeschichte vonStaaten mit starker kolonialer Tradition (namentlich Großbritannien undFrankreich) prägten.
Historiker und Sozialwissenschaftler haben lange Zeit den gesellschaftlichenWandel in Folge von Migration in der nüchternen Sprachedemographischer Statistiken verhandelt. Sie haben nach der Entwicklungdes Politikfeldes Einwanderungspolitik gefragt und danach, wie Einbürgerungspolitikund Staatsangehörigkeitsrecht auf die sich wandelndenGegebenheiten reagierten. Dafür, dass die Forschung dabei nicht selten auf zeitgenössische Zuschreibungen und Kategorien zurückgriff, wurden Historiker im Grunde erst im Zuge ihrer Öffnung gegenüber kulturwissenschaftlichenZugängen sensibel, wie Imke Sturm-Martin in ihremBeitrag zeigt. Immigrant und Emigrant sind solche Zuschreibungen;aber auch Bezeichnungen für ethnische Minderheiten und überhaupt dieKategorie Ethnizität sind essentialistische Deutungen, die ein So-seinabsolut setzen und soziale und kulturelle Hierarchisierungen a priori insich tragen. Dies gilt auch für vermeintlich positive, Migrantinnen undMigranten gegenüber aufgeschlossene politische Konzepte wie dasjenigedes Multikulturalismus, das in den 1990er Jahren eine kurze Blütezeiterlebte, inzwischen aber selbst kritisch hinterfragt wird. Sebastian Bergerhellt dies in seinem Beitrag am britischen Beispiel.
Aus der Verbindung von cultural turn und postkolonialen Perspektivenhaben Historiker und Sozialwissenschaftler sich neue Sehweisen auf Migrationund Migrationsgesellschaften angeeignet. Das kulturwissenschaftlicheKonzept der Repräsentation erweist sich als geeignetes Instrument,nach Konstruktionen von Weltsichten zu fragen. Repräsentationen sindOrganisationsformen des Wissens, mit deren Hilfe Menschen die Welt,die sie umgibt, deuten und ihr Sinn verleihen; mit denen sie einanderbegegnen und die ihre Begegnungen vorstrukturieren. Menschen habenimmer schon eine Vorstellung vom Anderen, wenn sie dem Anderenbegegnen; und ohne das Andere können sie das Eigene gar nicht erkennen.In der Begegnung verändern sich Repräsentationen, und zwarimmer sowohl vom Anderen als auch vom Eigenen. In diesem Sinnestellen Repräsentationen soziale Ordnung nicht nur dar, sondern sie stellensie immer auch her. Das zeigt die Geschichte der westeuropäischenund US-amerikanischen Gesellschaften, wie sie die Beiträge dieses Bandesbeleuchten, geradezu beispielhaft.
Wenn nach Formen und Organisation von Wissen über sozialeZusammenhänge gefragt wird, rücken in modernen Gesellschaften dieWissenschaften zwangsläufig ins Blickfeld. Denn in ihnen haben sichwissenschaftliche Experten als Deutungseliten etabliert, die Kategorienzur Erfassung sozialer Phänomene vorgeben und dadurch sozialen Handlungssinnproduzieren. Expertenwissen ist eine Form der Repräsentationsozialer Ordnungen, aus dem sich immer auch handlungsleitende Perspektivengewinnen lassen. Wissenschaftliche (Sub-)Disziplinen könnenentstehen, wenn gesellschaftliche Entwicklungen als problematisch undbedrohlich für die bestehende Ordnung gedeutet werden, genauso wievor diesem Hintergrund Sozialexperten auf Basis ihrer Deutungen socialengineering propagieren und betreiben können. Im einzigen Aufsatz indiesem Band, der über Westeuropa und die USA hinausgeht, beleuchtetAlexander Pinwinkler am Beispiel am Beispiel der österreichischen ErstenRepublik und des austrofaschistischen Ständestaates, wie Statistiker undRechtswissenschaftler Kategorien von Minderheiten und Volksgruppenschufen, aus denen sich politische Handlungsmaximen ableiteten. ReetTamme zeigt, wie sich die race relations-Forschung in Großbritanniennach der Erfahrung der Rassenunruhen (auch dies eine zeitgenössischeZuschreibung!) am Ende der 1950er Jahre etablieren und für lange Zeitdie maßgeblichen Deutungen sozialer Ordnung vorgeben konnte. DerBeobachtung und Beschreibung des Anderen durch Experten sind(normative) Ansichten über das Eigene stets immanent, etwa wennFamilienstrukturen und familiäre Praktiken als fremd markiert werden.Claudia Roesch zeigt dies für die US-amerikanischen Sozialexperten undverdeutlicht zugleich, dass in ihrem Blick auf mexikanische Familienimmer Repräsentationen der weißen amerikanischen Familie mit verhandeltwurden. Die Fremden, die Migranten, die Anderen erscheinenin diesem Kontext als bloße Objekte hegemonialer Zuschreibung undAbgrenzung. Auf diese Weise werden der koloniale Blick und kolonialePraktiken der Inklusion und Exklusion in postkolonialen Gesellschaftenperpetuiert. Jedoch treten im selben Maße wie solche Perpetuierungenauch Prozesse der Subjektivierung zutage, die in jüngerer Zeit auch alssolche wissenschaftlich ernst genommen und nicht auf das bloß Folkloristischereduziert werden. Das Beispiel der race relations-Forschunggibt darüber in geradezu paradigmatischer Weise Auskunft, zog die etablierte Forschung auf diesem Feld seit Beginn der 1970er Jahre dochdie scharfe Kritik auf sich, sie wurde die bestehende hegemoniale weiseOrdnung blos affirmieren. Theoretiker der aufkommenden PostcolonialStudies machten deutlich, wie sehr essentialistische Zuschreibungen dominiertenund wie das .Anderssein. in soziale Ordnungen eingeschriebenwurde. Prozesse der Subjektivierung lassen sich auch in kulturellenPraktiken erkennen, in denen Migranten und Migrantinnen ihre eigenenVorstellungen von dem, was sie sind, und von der Welt, aus dersie kommen, mitteilen. Dass es die gemeinsame Vergangenheit unddie verbindenden Traditionen aus der Herkunftsgesellschaft nicht gibt,sondern dass sie ebenfalls (durchaus kontrovers) ausgehandelt werden,legt das Konzept der .Reprasentation. bereits nahe. Deutungen der Weltund des eigenen Wir in der Welt werden auf die Strase getragen, siewerden offentlich gemacht, sei es in Festen, sei es in der Musik oderin anderen Vermittlungsformen. Hybride Identitaten entstehen,. wennetwa Jugendliche maghrebinischer Herkunft sich Marseille als einenRaum aneignen und ihn als eigenen Raum deuten, wie Daniel TodtsBeitrag uber die franzosische Rapmusik zeigt. Gleiches gilt fur die afrokaribischenGruppen, die ab Ende der 1950er Jahre in London Carnivalals eigene Tradition(en) entdecken, deuten und praktizieren. SebastianKlos macht in seinem Beitrag deutlich, wie sehr der Notting Hill CarnivalGegenstand kontroverser Aushandlungen war, eine Projektionsflache, aufdie sich unterschiedliche Deutungen jamaikanischer oder trinidadischerTraditionen richten liesen. West Indian culture wurde, zugespitzt formuliert,erst in London erfunden. Monika Salzbrunns ethnographischeUntersuchung der Stadtteilfeste im X. Pariser Arrondissement belegt, wiestadtische Raume zu Schauplatzen werden, an denen Reprasentationenabgeglichen werden und sich wandeln; neue Identitaten entstehen, diesich am konkreten, erfahrbaren lokalen Raum festmachen.
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