Buchtipp von Edgar Schuster

Kent Haruf nimmt uns in diesem Buch mit in die Kleinstadt Holt in den Great Plains in der Nähe von Denver, Colorado. Jeder kennt jeden, man lebt von Ackerbau und Viehzucht und jeder hat so seine Probleme oder auch nicht. Der Lehrer Guthrie muss sich mit einem Schulverweigerer und vor allem dessen Eltern herumschlagen – im wahrsten Sinne des Wortes! Seine beiden neun und zehn Jahre alten Söhne Ike und Bobby tragen morgens vor der Schule die Zeitung aus und vermissen sehr ihre depressive Mutter, die zu ihrer Schwester nach Denver zieht. Die beiden alten Brüder Harold und Raymand McPheron bewirtschaften seit dem Tod ihrer Eltern vor über 50 Jahren gemeinsam ihre Rinderfarm und interessieren sich für nichts und niemanden höchstens für die Futterpreise und die Preise für das Schlachtvieh.

Eines Tages steht die 17-jährige Victoria vor der Tür ihrer Lehrerin Maggie, da sie, schwanger von einem Jungen aus der Nachbarstadt und der sich nicht mehr blicken lässt, von ihrer Mutter aus der Wohnung geworfen wurde.

Die resolute und ??? Maggie bittet ausgerechnet die beiden McPheron-Brüder, das junge Mädchen bei sich aufzunehmen. Sie tun es und man gewöhnt sich aneinander, frühstückt zusammen und isst abends gemeinsam Abendbrot, doch was sollen die beiden Alten mit dem jungen Ding reden? Als sie eines Tages von Maggie darauf angesprochen werden versuchen sie es doch:

 

 Victoria. Er musste sich räuspern. Er setzte noch einmal an. Victoria. Raymond und ich wollten dich was fragen, wenn es dir nichts ausmacht. Wenn wir dürfen. Bevor du wieder zu deinen Büchern gehst.

 Ja?, sagte sie. Was wollten Sie den fragen?

 Wir wüssten gern – wie du über den Markt denkst.

 Das Mädchen sah ihn an. Was?, sagte sie.

 Im Radio, sagte er. Der Mann hat gesagt, dass die Sojabohnen heute einen Punkt runter sind. Aber lebende Rinder haben sich behauptet.

 Und jetzt wüssten wir gern, sagte Raymond, wie du darüber denkst. Was würdest du sagen, soll man kaufen oder verkaufen?

 Ach, sagte das Mädchen. Sie sah sie ungläubig an. Die Brüder hingen mit den Blicken an ihr, erwartungsvoll, fast flehentlich. Sie saßen da, die Gesichter nüchtern und verwittert, aber dennoch freundlich, dennoch wohlmeinend, und ihre glatten weißen Stirnen glänzten wie Marmor unter der Esszimmerlampe. Da bin ich überfragt, sagte sie. Dazu kann ich nichts sagen. Ich versteh doch überhaupt nichts davon. Aber vielleicht können Sie's mir ja erklären.

 

„Lied der Weite“ ist ein Meisterwerk des 2014 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf, dessen sechs Roman immer in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado spielen. Wie auch das letztes Jahr bei Diogenes erschienene Buch „Unsere Seelen bei Nacht“ besticht das Buch durch seine liebenswürdige Beschreibung der handelnden Personen, es lässt uns das Kleine aber auch das Große im Leben dieser Kleinstadtbewohner miterleben und lässt uns nachher einfach nicht mehr los.

 

 

Eine Leseprobe finden Sie auf der Webseite des Verlages:

http://www.diogenes.ch/leser/titel/kent-haruf/lied-der-weite-9783257070170.html

 

Haruf, Kent
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257070170
24,00 € (inkl. MwSt.)